Praxis für Eheberatung und Psychotherapie - Marry & Schäfer

Veröffentlichungen

Super Nanny & Co

Zu "Supernanni" und TV - Beratung erschien folgender Artikel:

http://www.thema-jugend.de/heft205.html

Wie sind die neuen Sendeformate (wie Super Nanny) zu bewerten? Was bringen sie Eltern und gibt es Grenzen der Präsentation ganz persönlicher und privater Problemlagen? Das Ergebnis der Befassung mit dem Thema ist: Ja, es gibt durchaus positive Effekte, beispielsweise: Eltern erfahren, dass sie mit ihren Erziehungsproblemen nicht alleine dastehen. Auch andere kennen Schwierigkeiten. – Auf der anderen Seite stellen sich Fragen:  Wie muss Hilfe und Unterstützung aussehen, damit sie langfristig werden kann? Und wie ist das öffentlich Zurschaustellung von intimen Problemen zu bewerten? Sind hier Kinder nicht besonders zu schützen?

Super Nanny & Co.
Eine kritische Bestandsaufnahme

von Sabine Schäfer/Edouard Marry

Uns interessierte: Welche Meinung über die neuen Fernsehangebote wie Super Nanny und andere werden vertreten? Es fiel uns auf: Da scheint es kein neutrales Mittelfeld zu geben, Meinungen zu diesen Sendungen wurden selten distanziert geäußert. Wir spürten eine Ambivalenz, die uns unentschlossen machte: Wie sind diese Sendungen zu bewerten? Haben Zuschauer/innen etwas davon? Vermutlich werden sie etwas davon haben, aber was? Wirkt sich die Konfrontation in einem öffentlichen Medium, wie das Fernsehen, positiv aus? Bringt es Eltern dazu, über ihre Erziehungsstile nachzudenken und entlastet es Kinder bei Konflikten? Oder ist die Zurschaustellung nur eine voyeuristische Befriedigung für projizierende Zuschauer, die sich selbst (als potentielle Problemfälle) ausnehmen würden, nach dem Motto „wir sind die Guten, sieh mal, wie schlecht es anderen geht“?

Vielleicht würden sie sich, in ihrer Überforderung und Hilflosigkeit als Eltern nur bestärkt sehen und Trost finden bei der Konfrontation mit massiven Erziehungsproblemen anderer; wiederum nach dem Motto: „Siehst du, anderen geht’s genauso...“

Bei der Beschäftigung mit diesem Thema kristallisierten sich für uns einige Aspekte heraus, hier zunächst positive Effekte:

Entdeckung elterlicher Verantwortung

Eltern entdecken den Sinn und Zweck von Erziehung. Sie sehen in solchen Sendungen anschaulich, wohin eine passive, unüberlegte oder affektgesteuerte, bloße Reaktion auf kindliche Bedürfnisse führen kann. Sie sehen, dass es ohne sie, als aktiv gestaltende und bestimmende Erwachsene, nicht gehen kann. Und sie sehen, wie wichtig und entschei- dend es ist, als Paar solidarisch und bewusst die Elternrolle zu übernehmen.

Entwicklung von Kompetenzen und Ressourcen

Zusehende Eltern können mit verfolgen, wie anfangs regressive, unbeholfene oder überaggressive Eltern innerhalb relativ kurzer Zeit (was sind schon zwei Wochen?!)
lernen können, aus einer verfahrenen Situation wieder heraus zu finden und sich sogar
als Paar besser zu fühlen.

Entlastung der Kinder

Manchmal werden Kinder dermaßen selbstverständlich verantwortlich gemacht für die Störungen des Klimas in einer Familie, dass selbst Fachleute es schwer haben, den betroffenen Eltern eine Beteiligung nachzuweisen, geschweige denn, sie für eine aktive, selbstkritische Mitarbeit zu gewinnen. Der Widerstand und die Projektion übertreffen oftmals den Leidensdruck dieser Eltern. Sie können oftmals nicht anders, als den Fehler bei anderen zu suchen: Kinder, Lehrer, Omas und Schwiegermütter sind schuld...

Solche Sendungen ermöglichen es den Betroffenen, sich in einem Spiegel wieder zu erkennen, ohne sich selbst nahe kommen zu müssen und lösen das Dilemma der Quadratur des Kreises („wasch mich, aber mach mich nicht nass“), indem sie einerseits die Projektion auf andere ermöglichen, andererseits die Ähnlichkeit so frappant und konkret werden lassen, dass man nicht umhin kommt, sich im vorgehaltenen Spiegel zu erkennen.

Werbung für eine nicht pathologisierende Erziehungsberatung

Ganz gleich, wie die Problemlage sein mag: Die Probleme bleiben alltäglich, denn viele Familien sind von ihnen betroffen und keine wird für verrückt erklärt. Angemerkt sei hier: (Selten werden Eltern wirklich nur mit dem beliefert, was sie erwerben möchten. Sie wünschen sich mehr Kompetenz und Wissen. Es gibt immer noch genug „Maulwürfe“ in diesem Metier, die nur der „Tiefenforschung“ eine Chance für dauerhafte Effekte bei Interventionen in Familien einräumen. Lernprogrammen wird der überdauernde Erfolg abgesprochen.)

Demgegenüber stellen sich folgende Bedenken:

Belastung der Eltern

Unklar ist uns, wie die Eltern mit der für sie nicht mehr korrigierbaren Dokumentation ihrer Unfähigkeit umgehen werden, zumal, wenn die Kameras abgebaut und die Filmcrew verschwunden ist...


Werden sie die Schmach und das Schamgefühl -und solche Gefühle entstehen nun mal bei der gebotenen Offenheit und Öffentlichkeit- je wieder loswerden können? Können sie diese Gefühle kompensieren durch den Stolz, sich weiter entwickelt zu haben und die Erleichterung einer öffentliche Beichte? Haben sie wirklich die Kraft, sich, bei Wiederaufleben der Problematik, professionelle Hilfe zu holen? Ist ihre Hemmschwelle nun reduziert oder erhöht? Immerhin wird mit den Eltern nicht ermutigend emanzipatorisch, sondern direktiv autoritär umgegangen.

Belastung der Kinder

Unangenehm ist auch dieses Vorführen der Familien vor Millionen von Zuschauern.


Was werden die Nachbarn dieser Protagonisten denken oder sagen, wenn sie sie beim Einkauf treffen? Was werden die anderen Schüler den Kindern aus der Sendung hinterherrufen? Was macht die Umwelt mit dieser Denunziation? Und: sind die Kinder überhaupt gefragt worden und inwieweit kann man sie denn nach ihrer Erlaubnis fragen, einer Maßnahme zuzustimmen, die ihre Intimität preisgibt? Wie hat die Kamera ihr weiteres Familienleben beeinflusst?


Das heißt, es stellt sich letztendlich auch die Frage nach der Würde des Menschen und wer über sie entscheidet: jeder selber (aber was, wenn er/sie minderjährig ist), der Staat, die Kirche oder das Fernsehen? Die Frage nach dem Schutz von Kinder und Jugendlichen bekommt hier eine ganz eigene Qualität, vor allem, wenn sie in einer Reihe mit Kochen/Küche, dekorativen Wohnzimmereinrichtungen und nachfolgend sogar Hunden und Katzen zu „Objekten“ werden, an denen eine ganze Nation ihre Meinung zu Erziehungsfragen abarbeiten kann.

Zweifel an der Effizienz

Was lange währt wird endlich gut, sagt der Volksmund, vielleicht nicht ohne Grund: Kann eine Intervention, die sich auf maximal zwei Wochen erstreckt, wirklich den Knoten in einer Familie so lösen, wie alle das gerne hätten? Sind multifaktorielle Probleme, die sich aus mehr als Aktualität ergeben haben, überhaupt in so kurzer Zeit behandelbar? Fraglich ist auch die Langzeitwirkung einer so kurzen Intervention.

Alles in allem kann man feststellen: Das Interesse der Zuschauer/innen ist offenbar so groß, dass deshalb Fernsehanbieter, die von hohen Quoten leben, solche Sendungen produzieren. Dies kann allerdings nach unserer Auffassung ein Hinweis darauf sein, dass es einen großen Bedarf bei vielen Erwachsenen nach Unterstützung in vielen Erziehungsfragen gibt. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich an wandelnde Werte gewöhnt hat. Die sich daraus häufig ergebende wachsende Hilflosigkeit, was denn wie zu tun sei, ist ein Appell an unterstützende soziale Einrichtungen und an alle diejenigen, die hier beratend und begleitend tätig sind. Zu klären ist, welche Angebote hilfreich sind, die sich nicht nur an die intellektuelle Mittelschicht richten, sondern auch den berühmten Mann (die Frau) auf der Straße erreicht. Letztendlich kann es keinesfalls darum gehen, Eltern in ein Modell zu pressen. Denn wenn dieses nicht mehr passt, wird es abgelegt.
Es sollte nach unserer Auffassung vielmehr darum gehen, diesen Eltern Ideen und Anregungen anzubieten, die diese in das eigene Leben integrieren können.